Dienstag, 23. dezember 2008 2 23 /12 /2008 22:59
 

Der Traummann


Es ist wieder einmal soweit: das Selbstmitleid über die investierte Zeit und Arbeit über eine jetzt in Trümmern liegende Beziehung ist soweit abgeklungen, man (Frau) ist bereit neue Gefilde zu entdecken. Das erste mal seit Jahren steht man wieder länger als eine halbe Stunde vor dem Spiegel und gönnt sich der Schönheit halber eine Kriegsbemalung mit allem was dazugehört: Makeup, Haarstyling, eine sehr viel gründlichere Bein- und Sonstworasur als das Wischi- Waschi der letzten Jahre – man kann ja nie wissen ob nicht schon der erste Ausflug in die weite Welt der Singles von Erfolg gekrönt sein wird...


Noch einmal wird sich selbst gut zugeredet: du bist schön (na ja, vielleicht glaubt man es ja wenn man es sich oft genug sagt), anziehend und alles andere als null acht fünfzehn. Als nächstes kommt die große Frage: wo hingehen??? Für die Disco die man einstmals besuchte ist die Ansammlung der gelebten Jahre etwas zu umfangreich, allerdings sind es zu wenige für Singlebars oder die Tanzlokale deren Besucher man vor Jahren noch verstohlen belächelt hat und nun eigentlich doch schon eher in dieser Riege zu Hause ist...


Nächste Sorge: wer ist noch übrig von den früher ausschließlich alleinstehenden attraktiven jungen Männern deren Bekanntschaft man pflegte? Die meisten dürften eigentlich schon Familie, Kinder und was so dazugehört haben. Frau hat nämlich ihre in das Unterbewusstsein gemeisselten Idealvorstellungen eines möglichen Partners – war schon vor Jahren nicht einfach ein passendes Modell ausfindig zu machen und da war die Auswahl noch weitaus üppiger...


Es folgt der klägliche Versuch sich selbst zu beruhigen: es geht vielen so wie mir. Keine Beziehung hält ewig (ich weiß es gibt Ausnahmen – zumindest habe ich schon gehört dass es sowas geben soll). Da ist sie wieder, die kindliche Naivität, der Glauben an eine gute Welt und an den Mann. Der eine der wie für uns geschaffen ist. Der der um eine Kleinigkeit in allem besser ist als wir selbst. Etwas intelligenter (natürlich lässt er sich das nicht anmerken), gut gebaut, breite Schultern (innerlich haben wir doch immer noch das uns von der Evolution so umsichtig anvertraute Bedürfnis nach einem Beschützer auch wenn wir uns das selbst – geschweige denn jemand anderem – niemals eingestehen würden) mit der gewissen Dominanz die Männer einfach anziehend macht. Stärke, der Ritter der kommt uns aus unserer Einsamkeit zu erretten...


Die Entscheidung fiel dann doch für die Disco – des Egos wegen. Das Beuteschema von einstmals hat sich wenig geändert: so um die dreißig bis fünfunddreißig sollte er sein – passt ja jetzt perfekt früher waren sie ja eh zu alt für uns – obwohl diese Altersgruppe vor 7, 8, 10 Jahren auch schon sehr anziehend gewirkt hat.


Auf dem Parkplatz ist man schon, ein letztes mal wird das Licht im Auto angeschaltet, nochmal ganz tief Luft geholt und der Spruch von vor dem Spiegel wiederholt: ich bin schön, attraktiv und begehrenswert – wer sollte mir widerstehen können? Wie gesagt: der Gedanke zählt und vielleicht hilft es ja etwas.


Mit Zuhilfenahme der letzten Kraftreserven betritt man dann den ausgewählten Ort des Wiedereinstiegs in die nervenaufreibende Suche nach einem passenden Deckel und man erschrickt selbst: das verloren geglaubte Selbstbewusstsein findet sich wieder ein als die Tür des im Hinterkopf immer wieder vermissten Ortes geöffnet wird. Kopf hoch, da ist er der Blick der früher schon so einige Herren schwach gemacht hat. Nicht zu schüchtern und nicht zu arrogant, einfach eine gute und geheimnisvolle Mischung aus beidem.


Beim Betreten fallen schon die ersten Blicke in die gewünschte Richtung, man wird sehr interessiert gemustert und das Selbstvertrauen wächst weiter – fast wie früher. Früher die Zeit von der man gern erzählt und als alles noch alles in Allem so war wie man es sowieso immer gerne wieder haben wollte. Jetzt ist die Gelegenheit...


Der Anfang ist gemacht nun wird es Zeit mal zu sehen was alles so herumschwirrt und eventuell noch auf dem freien Markt handelbar sein könnte. Auf den ersten Blick wären da schon zwei oder drei potenzielle Opfer auszumachen denen man beim Vorbeigehen erst einmal um die Reaktion zu testen einen kleinen Augenaufschlag geschenkt hat und befriedigt feststellen konnte dass die gewünschten Blicke nicht ausgeblieben sind. Man geht einige Meter weiter, wirft einen verstohlenen Blick zurück um sich Gewissheit darüber zu verschaffen dass die optische Fixierung die man deutlich gespürt hat auch wirklich vorhanden ist – Strike, Satz - Sieg zwar noch nicht aber es ist nur noch eine Frage der Zeit...


Nach der ersten Runde mit dem viel versprechenden Beginn wird gezielt der freie Barhocker angesteuert und davor aber noch sichergestellt das das Objekt beziehungsweise die Objekte der möglichen Begierde dies auch realisieren. Ok, das wäre geschafft. Die Blicke haben genügt die Beute so sicher über ein mögliches Interesse unsererseits zu machen dass sich Mann traut uns anzusprechen. Das ist jetzt der alles entscheidende Moment. Wie ist er so? War die Einschätzung richtig? In etwa achtzig Prozent der Fälle werden die Anfänglichen Erwartungen nach dem Aufkeimen bereits pulverisiert. Wow, das Phänomen hat sich nicht geändert... Schöne Schale und innen hohl. Rhetorische Fähigkeiten eines dreijährigen und Kopfinhalt reduziert auf die wenigen Gehirnzellen die sich in den primären Geschlechtsteilen befinden...


Na ja, nicht entmutigen lassen, der nächste kommt. Überrascht stellt man fest dass bei diesem neuen Gegenüber tatsächlich ein funktionierendes Gehirn vorhanden zu sein scheint. Es entwickelt sich ein anregendes Gespräch und langsam aber sicher darauf hinausläuft dass an mehr gedacht wird... Er sieht gut aus, ist anscheinend intelligent und höflich. Außerdem beherrscht er vorzüglich jene unterschwelligen, nicht aufdringlichen kleinen Komplimente die wir so sehr lieben und vermisst haben. Nächster Gedanke: wo ist der Haken an der Geschichte? Vielleicht ist er verheiratet? Scheint nicht so zu sein, kein Ring und auf leises Anklopfen unsererseits ein deutliches Nein. Sehr gut.


Jetzt kommt der Moment in dem wir an mehr denken. Ist er vielleicht ein schlechter Liebhaber? Ist so ein Prachtmodell wie das vorliegende deshalb alleine? Na ja, einen Versuch wäre es ohne Zweifel wert, allerdings wird dieser Gedanke gleich wieder beiseite geschoben – abwarten, der erste Schritt muss von ihm gemacht werden um dann sofort auf einen späteren Zeitpunkt verwiesen zu werden. Innerlich stellt man sich schon alles mögliche vor: das ist das Zuhause das ich suche... Meine starke Schulter. Leichte Verliebtheit macht sich bemerkbar.


Wir schwelgen in unseren im Kopf langsam und traumhaft ablaufenden Träumen über eine wundervolle Zukunft mit diesem Prachtexemplar der Spezies Mann und vergessen für einen Moment die Fehl- und Tiefschläge vergangener Liebschaften. Vielleicht ist er es ja, der eine – der Mann für die große einzige wahre Liebe.

von belo - veröffentlicht in: Frauen
Kommentar hinzufügen - Kommentare () - empfehlen
Zurück zur Hauptseite

Über diesen Blog

Blog erstellen

Kalender

Februar 2010
M D M D F S S
1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28
             
<< < > >>
Erstellen Sie einen Blog auf de.over-blog.com - Kontakt - Nutzungsbedingungen - Missbrauch melden