Magerwahn
Sie sind überall und allgegenwärtig ob in Zeitungen, auf Plakaten oder im TV: diese am Hungertuch nagenden dürren Bohnenstangen deren weibliche Rundungen durch Meisterhand geschaffen wurden. Es ist deprimierend das immer sehen zu müssen und abends dann vor dem Spiegel zu stehen und sich zu fragen warum Gott einen nicht mit so einem Körper gesegnet hat.
Wenn dann noch in diversen Artikeln zu lesen ist dass Supermodel XY sich angeblich ausschließlich von Schnitzel, Schweinebraten und Co. ernähren soll (das soll glauben wer will, ich auf jeden Fall nicht...) dann stellt sich mir die Frage was ich falsch mache. Selbst ein Schnitzel anzusehen bewirkt schon eine imaginäre Gewichtszunahme von mehreren Kilos. OK, ich werde niemals 1,80 Meter groß sein weil das meine genetische Programmierung leider nicht vorsieht aber vielleicht etwas weniger wiegen???
Resultat aus den ganzen Überlegungen und gehäuften Bemerkungen hinsichtlich meiner Figur von diversen Bekannten oder Freunden die mein Ego eliminiert haben und kleinen Spitzfindigkeiten und Andeutungen von Menschen die mir sehr wichtig sind war dann dass mein Unterbewusstsein reagiert hat.
Es geschah von einem Tag auf den anderen: ich saß am Mittagstisch und aß Nudeln. Plötzlich schoss mir durch den Kopf wie viele Kalorien ich da gerade zu mir genommen habe – mir wurde schlecht und die nächsten Minuten verbrachte ich dann auf der Toilette. Das Ganze wurde zum Selbstläuferin - ein Bissen zu viel und ich musste mich übergeben, kein Finger kein gar nichts.
Innerhalb von 4 Monaten verlor ich fast 25 Kilo und war mächtig stolz darauf. Nebenbei betrieb ich extensiv Sport – Triathlon, jeden Tag 50 km mit dem Fahrrad, 10 km laufen und dann mit dem Rad ab ins Schwimmbad – zwei Stunden schwimmen. Das Beste an der ganzen Geschichte war dass meine geistige und körperliche Leistungsfähigkeit umgekehrt proportional zu meinem Gewicht einen Sprung nach oben machten – zumindest anfangs und ich war äußerst begehrt bei Männern was mich zusätzlich in meinem Wahn bestätigte.
Irgendwann kam dann der Punkt an dem mich Männer schon gar nicht mehr so schön fanden und mein Gehirn sich langsam aber sicher verabschiedete. Blackouts, Unterzucker, eingeschränkte Wahrnehmung, fehlende Leistungsfähigkeit, Depressionen, Zitteranfälle und immer wiederkehrende wirklich schlimme Bauchschmerzen. Ich wog schlussendlich noch 37 kg mit 1,65 Metern und wachte eines Morgens vor meinem Bett auf dem Teppich komplett bekleidet auf, wusste nicht wie ich dorthin kam, wo ich war, ob ich selber mit dem Auto gefahren bin... alles wie weggeblasen.
Das war für mich der Moment in dem ich nachdenklich wurde. Ich fing schön langsam wieder an mich ans Essen zu gewöhnen und erreichte nach langem Kampf mit meinem Körper irgendwann wieder mein Idealgewicht aber hatte immer wieder in schwierigen Lebenssituationen Rückfälle.
Ist es dem Menschen nicht vielleicht vorausbestimmt nicht auszusehen wie ein halb verhungertes Etwas??? Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass Essen (sicherlich in normalem Maße) etwas zum Genießen ist. Sich hinsichtlich der Ernährungsgewohnheiten so zu reduzieren dass man sich nichts mehr gönnt das schmeckt nur um einem völlig dummen Idealbild zu entsprechen ist nicht Sinn und Zweck der Sache. Ich habe auch gemerkt, dass es vielen Menschen gar nicht gefällt wenn man so dünn ist und auch Männer nicht darauf stehen nur Knochen in den Händen zu haben.
Trotzdem kommen manchmal Zweifel, nagende Gedanken die mir zu schaffen machen – bin ich zu dick? Die kleinen Spitzfindigkeiten sind irgendwann auch wieder zurückgekehrt und es besteht andauernd die Gefahr zurück zu fallen – selbst nach über zehn Jahren. Ich kenne mittlerweile so viele junge Mädchen und besonders erschreckend auch junge Männer die Anorexie, Bulimie oder eine Mischung aus beidem haben und auch schon einen Fall in dem sich ein Mädchen zu Tode gehungert hat. Ich glaube es ist Zeit etwas zu ändern...
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