Mann und Migräne
Hier ist er also der Mann mit dem ich mich entschieden habe eine längere Beziehung einzugehen. Die essentiellen Grundfunktionen eines Lebensabschnittsgefährten hat er mir die ersten beiden Jahre sehr eindrucksvoll und befriedigend vorgegaukelt. Aus welchem Grund zieht man (Frau) wohl eine Lebenspartnerschaft einer platonischen Beziehung vor? Des geregelten Sexuallebens wegen. Ok, eben dieser eine muss noch einiges dazulernen – trotz einiger Erfahrung auf dieser so wichtigen Ebene und zeigt sich auch durchaus lernwillig. Überall ist Schüchternheit und Zurückhaltung süß oder vielleicht sogar angebracht - nicht aber in dieser einen Sache. Vor Allem wenn es ein längerer Eintrag im persönlichen Geschichtsbuch werden soll.
Auf einmal passiert es dann: „Du Schatz, ich habe Kopfweh...“. Hä? Ist die Emanzipation der Frau etwa schon so weit fortgeschritten dass Männer es sich erlauben können in eindeutig weibliche Domänen vorzudringen??? Meine innerliche Stimme sagt NEIN, auf in den Kampf um etwas was mir ohne Zweifel zusteht. Jetzt werden die letzten Hemmungen über Bord geschmissen und alles ausprobiert was müde Männer munter machen könnte. Mit einem einzigen Resultat: wenn er mal will macht es ihm Spaß aber die Tendenz ist eindeutig stark sinkend. Aus fast jeden Tag wird einmal die Woche, einmal im Monat, einmal im Halbjahr – ich bin nur noch ein wandelndes Pulverfass. Stressabbau nicht vorhanden. Die Ausreden werden immer hanebüchener. Stress in der Arbeit oder Streit mit seinen Eltern. Sogar Arbeitskollegen und deren Geschichten wurden als Ausreden um sich mich vom Hals zu halten gerne missbraucht.
Zuerst einmal die grundsätzlichen Fragen klären: hat er eine andere (das würde begründen warum er eine doch recht ansehnliche Frau wie mich abblitzen lässt...)? Liegt es an mir (zu dick, zu langweilig, zu dominant oder auch zu wenig?)? Ich frage ihn ob er eine Affäre hat und schließe das innerlich jedoch schon mal grundsätzlich aus: er ist dazu zu bequem, zu faul. Also keine Geliebte. Er beteuert mir ausgiebig dass ich noch immer seine absolute Traumfrau bin und weder zu überdimensional oder sonst irgend welche Probleme von meiner Seite resultieren. Auf einmal schießt es mir durch den Kopf: er ist sich meiner zu sicher geworden.
Bekanntermaßen gibt es die drei Aufgaben die ein Mann im Leben erledigen sollte – Baum pflanzen, Haus bauen und Kind zeugen. Oh Gott, er hat seine Arbeit getan... Anstatt ausführlicher Körperhygiene von einst wird noch einmal in der Woche geduscht mit dem Resultat dass Frau in der Nacht neben Mann liegt und grün im Gesicht wird. Nein, so kann ich auch nicht mehr, Sexentzug für das kleine Ferkelchen im selben Bett. Meine Gedanken kreisen, so sehr ich das auch verhindern möchte und mich um Ablenkung bemühe nur noch um dieses eine leidige Thema.
Durch das Vorenthalten des einen Grundes weshalb man überhaupt seine Freiheit aufgegeben hat wird die Laune von Frau nicht unbedingt besser - die Fehlersuche an Mann beginnt mit Nachdruck und erschreckend akribisch. Socken werden nicht umgedreht → er wird darauf hingewiesen allerdings sehr direkt. Das furchtbar laute Schnarchen das bereits nächteweise den Schlaf geraubt hat wird nicht mehr nur mit einem Kitzeln am Ohrläppchen oder vorsichtigem Nase- Zuhalten abgestellt sondern jetzt landet der Ellbogen mit voller Wucht in seinen Rippen oder es wird einfach mal das Knie angezogen, mal schauen wo es landet (hoffentlich tut`s so richtig weh) – es entsteht eine gewisse Abgebrühtheit, die vormals so intensiv- innigen Gefühle sind nicht mehr existent und Frau ist sich auch nicht sicher dass es diese überhaupt einmal gegeben hat.
Ein letztes mal schlucke ich meine Aggressionen und diese ungekannte blinde Wut auf meinen Lebensabschnittsgefährten hinunter und schlage vor dass wir vielleicht wieder einmal etwas zusammen unternehmen sollten: Disco oder irgendetwas was vielleicht seine müden Lenden ankurbeln könnte. Unfassbar seine Erwiderung: du Schatz geh doch allein, da hast du sicher viel Spaß! Ist der hohl? Wenn ich jetzt alleine weggehe ist es so sicher wie das Amen in der Kirche dass ich heute Nacht nicht bei ihm im Bett schlafen werde. Verlockend ist es ja schon und ich teile meine Gedanken mit ihm. Schock. Drohungen. Meine kühle Erwiderung: wenn du nicht willst, es gibt genügend andere die keine Sekunde zögern würden.
Ich quäle mich mit Gedanken und irgendwann habe ich mich damit abgefunden dass es so ist wie es ist – kein Sex. Irgend etwas ist da mittendrin mit mir passiert – ich habe resigniert. Zwei Jahre lang vielleicht noch manchmal Selbstmitleid aber dieses Kribbeln, das Verlangen wie weggeblasen. Mit meinem Freund konnte ich nicht mehr und ich hatte dann doch Skrupel (Haus, Kind....) doch was mit jemand anderem anzufangen. Das Dahindümpeln auf einem Punkt so um Null begann. Ich kam mir hässlich, dumm und langweilig vor.
Es war nur eine winzige Begegnung, ein Blick in ein paar faszinierende Augen, ein Lächeln – ein Mann den ich nicht kannte und den ich nie wieder gesehen habe. Da wusste ich ich muss mich von meinem Lebensgefährten trennen, alles in die Tonne treten was ich mit ihm aufgebaut habe (oder was er sich von mir aufbauen hat lassen) ich bin nicht tot. Es ist vorbei, ich will wieder leben. Auf zu neuen Ufern.
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